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2009: Das Kopftuch wird lebensgefährlich – der Mord an Marwa El Sherbini 

Der 1. Juli 2009 stellt einen Wendepunkt in der Gewalt gegen Muslim:innen in Deutschland dar. Opfer war eine Frau, die durch ihr Kopftuch als Muslimin zu erkennen war und die aufgrund ihrer Kleidung zur Zielscheibe für Hass wurde. 

Das Opfer war Marwa El-Sherbini, eine Apothekerin aus Ägypten, ehemalige Handball-Nationalspielerin, Mutter eines kleinen Kindes und im dritten Monat schwanger. Sie war mit Ihrem Mann nach Deutschland gekommen, der als Doktorand am Max-Planck-Institut für Zellbiologie und Genetik arbeitete. 

Als Marwa El-Sherbini am 21. August 2008 nahe ihrer Wohnung in Dresden mit ihrem zweijährigen Sohn auf einen Spielplatz ging, war die Schaukel von Alex W. und seiner Nichte besetzt. Als sie nach einer Wartezeit den Mann höflich fragte, ob ihr Sohn auch schaukeln dürfe, wurde dieser sofort ausfällig. Er beschimpfte sie und nannte sie „Islamistin” und „Terroristin”, die kein Recht habe in Deutschland zu sein. Als er drohte ihren Sohn „tot zu schaukeln” riefen Zeugen die Polizei.  

Die Polizei nahm den Vorfall auf und nahm den Mann mit auf die Wache. Er erhielt schließlich einen Strafbefehl in Höhe von 330 Euro für seine Beleidigungen. 

Alex W. ging in Berufung. Er schrieb dem Gericht, er würde eher sterben als eine Strafe zu bezahlen. Es kam zu einem ersten Verfahren, bei dem er zu einer Strafe von 780 Euro und den Verfahrenskosten in Höhe von 1.200 € verurteilt wurde. 

Da er abermals in Berufung geht, kam es zu einem zweiten Verfahren. Bei beiden Verhandlungen wird er ausfällig und wiederholt seine rassistischen Beleidigungen, man könne ja niemanden beleidigen, der kein Mensch sei, sagt er. 

Marwa erscheint vor dem Gericht in Begleitung ihres Mannes und ihres dreijährigen Sohnes. Nach ihrer Aussage möchte sie den Saal verlassen. W. zieht ein 31cm langes Messer aus seinem Rucksack, springt auf, drückt die schwangere Frau gegen die Türe und beginnt auf sie einzustechen. Als Marwas Mann versucht sie zu retten, sticht er auch auf ihn ein.  

Herbeieilende Polizisten halten Marwas Mann irrtümlich für den Aggressor und schießen ihm ins Bein. 

Marwa stirbt noch im Gerichtssaal, ihr Mann muss mehrfach wiederbelebt werden, überlebt aber schwerverletzt.  

Der Vorfall wird in den Medien anfangs kaum zur Kenntnis genommen, das rassistische Motiv zunächst nicht erwähnt, oder relativiert.  

Der Fall warf nun zahlreiche neue Fragen auf: 

  1. Wie konnte ein offensichtlich aggressiver Straftäter eine Waffe in den Gerichtssaal bringen? 
  1. Warum waren keine Sicherheitskräfte im Saal anwesend? 
  1. Wie konnte der herbeigeeilte Polizist zu dem Fehlurteil kommen, der Ehemann des Opfers sei der Täter? 
  1. Warum vermieden es Politikerinnen, wie die Oberbürgermeisterin von Dresden oder die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihre persönliche Anteilnahme zu zeigen?  
  1. Warum nahm die Presse die Bedeutung des Falls nicht wahr? 

Es gibt noch vieles in den ersten Wochen nach der Tat, was nachdenklich stimmen muss. Vor allem die zahlreichen Versuche, sich von der Tat zu distanzieren, wirken verstörend. 

Der Prozess gegen Alex W. findet schließlich unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen statt. Das komplette Gericht wird an diesem Tag abgesperrt, 200 Polizisten werden eingesetzt, der Täter, der in einem gepanzerten Fahrzeug zum Gericht gebracht wird, wird im Gerichtssaal durch Panzerglas geschützt. 

Die Verteidigung versucht, eine verminderte Schuldfähigkeit und eine psychische Erkrankung des Täters nachzuweisen.  

Das Gericht folgt diesen Argumenten nicht. Es stellt fest, dass alle „Mordmerkmale” gegeben sind. Die niedrigen Beweggründe, die Planung der Tat und die kaltblütige Ausführung führen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Außerdem stellt das Gericht eine besondere Schwere der Tat fest, was eine vorzeitige Haftentlassung ausschließt. 

Marwa El-Sherbini war das erste Opfer, das aufgrund ihres Kopftuchs getötet wurde, blieb aber nicht die Einzige.  

Da es bei Fällen von rassistischer Diskriminierung und Gewalt eine hohe Dunkelziffer gibt, also Fälle, die nicht angezeigt werden, wurde 2021 eine zentrale Meldestelle für islamfeindlichen Rassismus eingerichtet: https://www.i-report.eu/ 

Im Juni 2023 erschien das erste offizielle „Lagebild“ dieser Meldestelle, die von der Claim Allianz (www.claim-allianz.de) herausgegeben wurde. 

Im Jahr 2022 gab es (ohne die Fälle von Hassrede im Internet und in Sozialen Medien) 898 dokumentierte Fälle von antimuslimischem Rassismus, also mehr als zwei Fälle pro Tag. Auch hier ist die Dunkelziffer unbekannt. 

Antimuslimischer Rassismus ist inzwischen als spezifische Form des Rassismus anerkannt. Diese Differenzierung ist wichtig, da es Unterschiede zu anderen Diskriminierungen gibt. 

Einer der Unterschiede betrifft die Opfer. Antimuslimischer Rassismus betrifft überwiegend Frauen. 

Frauen die als muslimisch „gelesen” werden, meist wegen ihres Kopftuchs. Er wirkt belastend jedoch auch auf alle potentiellen Opfer, unabhängig von Geschlecht und Kleidung. 

Die erfassten Straftaten sind insbesondere: 

58% Verbale Angriffe, wie Beleidigung, Volksverhetzung, Nötigung und Verleumdung (davon 75% mit weiblichen Opfern) 

22% Diskriminierung (davon 60% mit weiblichen Opfern) 

20% physische Gewalt (davon 60% mit weiblichen Opfern) 

Auch bei diesen Zahlen kann noch von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.  

Das Gedenken an Marwa El-Sherbini hilft uns, auch in der Gegenwart sensibler und aufmerksamer auf menschenverachtende Vorgänge zu reagieren.  

Marwa El Sherbini selbst wird als Akademikerin und mutige Frau mehr und mehr gewürdigt. 

Seit 2012 würdigen der Freistaat Sachsen und die Stadt Dresden Marwa mit der Einrichtung eines „Marwa El-Sherbini Stipendiums”. Seit 2022 wird auch in Nordrhein-Westfalen ein Marwa El-Sherbini Preis verliehen. 

Der seit 2015 eingerichtete „Tag gegen Antimuslimischen Rassismus” am 1. Juli findet immer mehr Anerkennung, auch bei staatlichen Einrichtungen. Der Tag wird seit 2018 von CLAIM (www.claim-allianz.de) koordiniert und mit staatlichen Mitteln gefördert. 

2022 schließlich wurde eine vorher namenlose Grünfläche vor dem Landgericht Dresden in Marwa El-Sherbini-Platz umbenannt. 

Kurze Videos zum Thema: 

Der Mord an Marwa El-Sherbini – Motiv: Islamhass 

Ich bin MARWA! | Creators for Change 

Ein hörenswerter Podcast zum Mord an Marwa El Sherbini 

https://open.spotify.com/episode/1AIEDbtxnA2DeXnF5Weyhw

Zum Weiterlesen: 

Thomas Billstein, Kein Vergessen – Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland nach 1945. Münster 2020 

Antimuslimische Gewalt gegen Frauen: Der Mord an Marwa El-Sherbini, Dokumentation auf: https://gegenuns.de/marwa-el-sherbini/ 

Die Stadt Dresden zum Gedenktag 2022:    

https://www.dresden.de/de/rathaus/politik/demokratie-respekt/marwa-el-sherbini.php

Zum Medienecho auf den Mord  

https://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/12/20091215_Medien-MordAnMarwa.pdf

Bildnachweis:

Gedenkfeier für Maria el Sherbini vor dem Dresdener Landgericht. Public domain by wiki commons

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marwa_el-Sherbini.funereal_meeting_of_dresden-_germany.jpg