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1965 – Ein muslimisches Festtagsgebet im Kölner Dom 

Am Mittwoch, dem 3. Februar 1965 ist der Himmel von Köln wolkenbedeckt, bei einer Temperatur von etwa 1 Grad fallen sogar einige Schneeflocken. 

Im Morgengrauen erscheinen immer mehr Männer in “Sonntagsanzügen” vor dem Kölner Dom. Viele von ihnen haben einen kleinen Teppich unter den Arm geklemmt.  

Es handelt sich um Arbeiter der Ford Werke, mehrheitlich aus der Türkei, sie strömen zum Kölner Dom. Sie hatten soeben den Fastenmonat Ramadan begangen und trafen sich zum Festtagsgebet.  

Im Kölner Dom hatte man im nördlichen Seitenschiff Platz geschaffen, die Kirchenbänke zur Seite geräumt und den Muslimen die Möglichkeit gegeben, dort ihren Feiertag zu begehen. 

Die Männer rollen ihre mitgebrachten Gebetsteppiche aus, oder bedecken den Boden mit Zeitungen um sich anschließend, dichtgedrängt auf den Boden zu setzen. 

Ein Imam gibt Hinweise, wie das Gebet an einem Feiertag verrichtet wird und richtet die Reihen nach der Gebetsrichtung Mekka aus – der Gebetsruf erschallt. Rund 400 Männer verneigen sich im Gebet. Anschließend hören sie die Predigt des Imams zum Festtag. 

Nach der Predigt weist der Imam auf die im Dom aufgestellten Opferstöcke hin. Er bedankt sich bei den Hausherren für die “brüderliche Geste” ihnen einen Platz für das Festtagsgebet gegeben zu haben.  

Die Teilnehmer des Gebets entrichten ihre an diesem Tag übliche sadaqa (religiöse Spende) in die Opferstöcke und unterstützen damit die Renovierung des Doms. 

Danach beglückwünschen sich die Gläubigen zum Fest, die meisten müssen noch zur Arbeit in die Fabrik, andere haben sich frei genommen, um das “Zuckerfest” auch kulinarisch zu begehen, manche eilen zu den Telefonzellen am Bahnhof gegenüber, um der Familie daheim in der Türkei zum Fest zu gratulieren. 

Ganz selbstverständlich beteten die Muslime in einem (christlichen) Gotteshaus. Sie hatten offensichtlich kein Problem in einem Gebäude zu beten, in dem christliche Symbole dominieren und Heiligenfiguren ausgestellt sind. Für manche Muslime eigentlich eine Unmöglichkeit. 

Genauso unmöglich war für manche Christen die Vorstellung, dass in der größten und symbolträchtigsten Kirche Kölns laut das muslimische Glaubensbekenntnis gerufen wurde. 

Trotzdem ist es geschehen. Die “Kölnische Rundschau” schrieb 1965: “Der 3. Februar 1965 war ein Tag, der Religionsgeschichte gemacht hat.” 

Die Zeitung verweist darauf, dass an gleicher Stelle vor über 800 Jahren noch zu den Kreuzzügen gegen den Islam aufgerufen wurde und bewertet daher dieses Zeichen der Toleranz besonders hoch. 

Die Wochenzeitschrift “Die Zeit” berichtet einige Tage später “Köln steht Kopf”. 

Die meisten Kölner und auch mancher Kirchenvertreter bekommen erst durch die Presse mit, was am Mittwochmorgen im Kölner Dom geschah. Die anschließende Kontroverse führte letztlich dazu, dass dies bis heute das einzige muslimische Festtagsgebet geblieben ist, das in einer Kirche begangen wurde. 

War es ein “Unfall”? Ein “Missverständnis”? 

Wer auch immer dieses Festtagsgebet organisiert hat, er tat es wohl im Geiste des  Zweiten Vatikanischen Konzils. 

Das zweite vatikanische Konzil war eine von Papst Johannes XXIII. einberufene Versammlung aller Bischöfe und Würdenträger in Rom und hatte zum Ziel, die Kirche an das 20. Jahrhundert anzupassen. “Aggiornamento” – “Verheutigung” hatte der Papst selbst zur Eröffnung des Konzils als Ziel formuliert. Das Konzil dauerte vom 11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965.  

Hier wurden zeitgleich zu dem Festtagsgebet in Köln Erklärungen und Richtlinien diskutiert und verabschiedet, die die Kirche neu ausrichten sollten. Hierunter sind auch die ersten offiziellen Dokumente der römisch-katholischen Kirche, in denen andere Religionen positiv anerkannt werden. 

Die Kirche stellte fest: Muslime beten mit uns zum Gott Abrahams (Lumen Gentium 16), also zum gleichen Gott.  

In der Erklärung über das Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen (Nostra Aetate 3) heißt es weiter:  “Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime … Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen.” 

Und “Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim (sic!) kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.” 

Der Geist des Konzils, das “aufrichtige Bemühen um gegenseitiges Verständnis” und die “Hochachtung” den Muslim:innen gegenüber, ermöglichten also schon vor Verabschiedung der zentralen Dokumente des Konzils das besondere Ereignis im Kölner Dom. 

Auch wenn man auf beiden Seiten, auf Seiten von Muslim:innen und auf Seiten der Amtskirche im Nachhinein viele Gründe gefunden hat, warum eine solche Veranstaltung nicht möglich ist, spricht aus dieser Geschichte eine Menschlichkeit, Wärme und Offenheit, bei dem sich “einfache” Menschen muslimische Arbeiter und Mitarbeiter der Kirche gegenseitigen Respekt erwiesen haben. 

Wir erinnern uns daher gerne an dieses kleine Wunder der Nächstenliebe an einem kalten Februartag 1965. 

Zum Weiterlesen: 

Nostra Aetate Text: https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_nostra-aetate_ge.html

Lumen Gentium Text:  https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_ge.html

Originalartikel vom 12.02.65 in der Zeit: Muselmanen beten im Kölner Dom https://www.zeit.de/1965/07/muselmanen-beten-im-koelner-dom/komplettansicht

Bildnachweis:

Auf Spurensuche: Exkursion der Jugendgruppe des Heimatprojektes in den Kölner Dom

Foto: SmF, Taner Yüksel