Skip to content

1928:  “Stuttgart 28” – der Bonatzbau und sein orientalisches Erbe 

Seit Beginn der Bauarbeiten am neuen Stuttgarter Hauptbahnhof ist das Projekt “Stuttgart 21” in aller Munde. Das Symbol des alten Kopfbahnhofes, der nach seinem Architekten benannte, “Bonatzbau” bleibt beim Umbau erhalten. 

Wir wollen uns daher die 1928 erbaute “Empfangshalle” und ihren Architekten genauer anschauen. 

Paul Bonatz wurde am 6.12.1877 im damals zum Deutschen Reich gehörigen Elsass-Lothringen geboren. Er studierte Architektur an der TU München und war von 1908 – 1943 Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart. Er gilt als einer der prominentesten Vertreter der “Stuttgarter Schule”. 

Die Stuttgarter Schule versuchte einen eigenen Weg zwischen Zitaten von geschichtlichen Vorbildern (“Historismus”) und rein funktionaler moderner Architektur (“Bauhaus”) zu gehen. Man setzte natürliche Materialien in handwerklicher Tradition ein, betonte eine klare Formsprache und die Ausrichtung auf die Funktonalität, ließ aber Traditionen und die Einbindung in die Umgebung nicht außer Acht. 

Neben seiner theoretischen Arbeit war Bonatz als Architekt zahlreicher Gebäude, mit öffentlicher Bedeutung. Beispiele sind Schulen in Regensburg und Aalen, die Universitätsbibliothek in Tübingen, die Stadthalle in Hannover und viele andere. Im Dritten Reich war er im Rahmen des Autobahnbaus an zahlreichen Entwürfen für Autobahnbrücken, die besonders für ihre harmonische Einbindung in das Landschaftsbild bekannt sind, beteiligt. 

1911 nahm er am Architekturwettbewerb für den neuen Bahnhof in Stuttgart teil und gewann mit seinem Entwurf „umbilicus sueviae“ (Der Nabel Schwabens). 

Der Bahnhof wurde schließlich zwischen 1914 und 1928 erbaut. Die Eingangshalle, ein massiver kantiger Sandsteinbau mit monumentalen Kuben und hohen Torbögen wird häufig als Vorläufer der Architektur in der Nazizeit gesehen.  

Bonatz selbst lehnte jedoch den Gigantismus und die Maßlosigkeit der Naziarchitektur ab und verwies bei seinem Bahnhof auf die Notwendigkeit einer auf Dauer angelegten massiven Bauweise. 

Ein Aspekt dieses Gebäudes wurde lange Zeit nicht beachtet und erst eine Ausstellung im Frankfurter Architekturmuseum Anfang 2011 veröffentlichte Skizzen einer Orientreise, die Bonatz 1913 unternommen hatte.  

Hier finden sich Belege, dass sich Bonatz bei den Torbögen seiner “Kathedrale der Technik” an einem sakralen Gebäude orientierte: dem Iwan der Sultan Hassan Moschee in Kairo. 

 

Aber nicht nur die orientalische Sakralarchitektur faszinierte ihn. Bereits 1911 veröffentlichte Dokumente über Ausgrabungen in Babylon inspirierten Ihn zu Mauerverblendungen (Lisenen) in der Fassade und die Mauertechnik mit einem Wechsel aus Kalkstein und Ziegeln entspricht byzantinischen Vorbildern, wie man sie heute noch in den Konstantinischen Stadtmauern in Istanbul findet. 

Genaue Begründungen für die “orientalischen Zitate” von Bonatz in Stuttgart finden wir nicht. Sie passen allerdings sehr gut in eine Zeit in dem das Deutsche Reich mit dem Osmanischen Reich verbündet war und in der Großprojekte, wie die Bagdadbahn umgesetzt wurden. 

Bonatz selbst sagt zu seiner Offenheit gegenüber allen möglichen Stilrichtungen: “Ich habe mich selbst nie einer Richtung verschrieben…Ich fand das im Gegenteil langweilig, und die Welt ist so reich, und die Aufgaben sind so verschieden. Warum Scheuklappen?”. 

Die orientalischen Zitate machen den eckigen Bau leichter, lockern den “monumentalen Klotz” auf und fügen sich so harmonisch ein, dass sie ein selbstverständlicher Bestandteil eines “typisch deutschen” Bauwerkes sind. Gerade die Tatsache, dass der orientalische Einfluss praktisch unerkannt blieb, macht ihn daher so geeignet als Beispiel für unsere “Muslimischen Spuren in Deutscher Heimat”. 

Der liberale Weltbürger blieb auch später seiner Sympathie zum Orient treu. Nachdem er sich in den 30er Jahren noch an repräsentativen Projekten des Dritten Reiches beteiligt hatte, entzog er sich der Nazidiktatur in den 40er Jahren durch die Übersiedlung in die Türkei.  

Er selbst schreibt hierzu: “Wenn ich einen Einzelgrund für mein Auswandern in die Fremde angeben sollte, so wäre es wohl die Flucht vor diesem Wahnsinn.” 

Schon 1942 war er in einer Jury für die Projektauswahl des Atatürk Mausoleums in Ankara und ab 1943 war er als Berater des türkischen Kultusministeriums tätig. Von 1946 – 1955 lehrte er als Professor an der Technischen Universität Istanbul.  

Hier wird er zu einem der einflussreichsten Architekten der Türkei. Sein bekanntester Bau ist das Opernhaus in Ankara. 

Zum Weiterlesen: 

Wolfgang Voigt/ Roland May [Herausgeber], Paul Bonatz 1877 – 1956. Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus, Tübingen 2010 
 
Ausstellungsdokumentation “Paul Bonatz 1877 – 1956. Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus” mit kurzem Video im Internet:  https://kunstundfilm.de/2011/03/paul-bonatz-1877-1956-leben-und-bauen-zwischen-neckar-und-bosporus/ 

Dankwart Guratsch: “Wie viel Moschee steckt im Bonatz-Bau?”, aus “Die Welt” vom 24.01.2011 

https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article12319749/Wie-viel-Moschee-steckt-im-Bonatz-Bau.html

Paul Bonatz, Leben und Bauen – Mit 45 Zeichnungen des Verfassers und 12 Bildern, Stuttgart 1950 

Peter Meyer, Paul Bonatz Leben und Bauen (Rezension zu Paul Bonatz Buch in der “Schweizerische Bauzeitung”), Zürich, 1950: https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=sbz-002:1950:68::596 

Bildnachweis:  

Public domain by wiki commons 

Stuttgarter Hauptbahnhof 2010 https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ed/Bahnhofsturm_Stuttgart_2010.JPG 

Sultan Hassan Moschee in Kairo 2017 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/94/Mosque-Madrassa_of_Sultan_Hassan_5.jpg