Skip to content

1223: Ein deutscher Kaiser und “seine” Muslime

Zwischen 1223 und 1300 gab es unter der Herrschaft eines deutschen Kaisers muslimische Enklaven im heutigen Süditalien. Größter Ort war das apulische Lucera mit rund 20.000 Einwohnern. Insgesamt dürfte es sich um 60.000 Muslime gehandelt haben, die in verschiedenen Orten Süditaliens angesiedelt wurden. 

Die Muslime hatten eine autonome Verwaltung, eigene Rechtsprechung, konnten ihre Religion frei ausüben und waren direkt dem Kaiser unterstellt. Sie stellten sogar die Leibgarde des Kaisers und konnten im Kriegsfall bis zu 15.000 Kämpfer rekrutieren. 

Dieses frühe Beispiel von christlich-muslimischer Koexistenz unter deutscher Herrschaft lohnt sich genauer zu betrachten. 

Zunächst einige Bemerkungen zur Vorgeschichte: Der Kaiser, um den es sich hier handelt, war Friedrich II. von Staufen. (26.12.1194 – 13.12.1250). 

Seine Großväter waren der Staufer Friedrich I. Barbarossa, Kaiser des römisch-deutschen Reiches, und der Normanne Roger II. König von Sizilien und zu seiner Zeit der reichste Herrscher Europas. Friedrich verbringt seine Jugend in Sizilien und Süditalien. 

Nach dem frühen Tod seines Vaters wird er schon mit 4 Jahren König von Sizilien, muss dann aber bis zu seinem 18. Lebensjahr warten, bis er auch in Deutschland zum König und 1220 schließlich zum Kaiser gekrönt wird. Diese Zeit nutzt er jedoch, um sich Wissen zu erwerben. Er spricht neben Latein und Deutsch Griechisch, Arabisch, Hebräisch und Provencalisch. Er studiert Mathematik und Naturwissenschaften und ist bewandert in Rhetorik und Philosophie. 

Nach vielen Jahren Abwesenheit kehrt er 1220 nach Sizilien zurück. Er findet ein zerstrittenes Land vor, dass er zunächst wieder unter seine Kontrolle bringen muss.  

Unter der Herrschaft der Normannen war Sizilien ein reiches und multikulturelles Land. Es gab drei Amtssprachen Lateinisch, Griechisch-Byzantinisch und Arabisch. 

Neben dem Christentum wurden auch Judentum und Islam frei praktiziert.   

Zu Beginn der staufischen Herrschaft, kam es aber vermehrt zu Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften. Vor allem der Zuzug lateinischer Christen beeinflusste das Gleichgewicht zwischen den Religionsgemeinschaften.  

In Abwesenheit der staufischen Kaiser eigneten sich regionale Fürsten immer mehr Land an und drängten die religiösen Minderheiten weiter zurück. 

Es kam daher zu Aufständen und einzelne Muslime zogen sich in die Berge zurück und gründeten eigenständige Emirate.  

Als Friedrich nun nach Sizilien zurückkehrt ergreift er drastische Maßnahmen. Er enteignet allen seit 1189 (dem letzten normannischen König) „erworbenen, erschlichenen, ergaunerten und eroberten Landgewinn oder Besitz” – zugunsten der Krone. Dass er dabei auch kirchliche Privilegien beschneidet, zieht ihm den Zorn des Papstes zu. 

1221 Erlässt er mit dem “Dekret von Messina” eine neue Rechtsprechung.  

Hier betont er: „Nicht nur auf die Uns untertänigen Christen, sondern auch auf die Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften erstreckt sich die Wirkung Unseres Schutzes, damit, wenn jeder durch den väterlichen Schutz des Kaisers verteidigt wird, sowohl die Angriffe Missgünstiger vermieden werden als auch die Ruhe des erwünschten Friedens gesichert wird.“ 

Auf der anderen Seite zeigt er militärische Stärke und schlägt den Aufstand der “Bergmuslime” zwischen 1223 und 1225 nieder. Die besiegten Muslime werden nach Süditalien umgesiedelt und der Frieden in Sizilien wieder hergestellt. 

Begleitet wird diese rabiate Umsiedlungsaktion allerdings mit weiteren Maßnahmen: Die Muslime wurden direkt unter den Schutz des Kaisers gestellt, erhielten innere Autonomie (Religionsfreiheit, eigene Rechtsprechung) und wurden gezielt wirtschaftlich gefördert. Ihnen wurden Land und Tiere zugeteilt und Marktrechte zugesprochen.   

Lucera entwickelt sich zum pulsierenden Zentrum. Es leben dort Araber, Berber und Tataren, aber auch Christen und Juden. Eine große Freitags-Moschee und mehrere kleine Moscheen, eine Koranschule, Badehäuser und ein Souk (Bazaar oder Markt) geben der Stadt eine orientalische Prägung.

Die neuen Siedlungen entwickelten sich dank des muslimischen Knowhows zu bedeutenden Handwerksstätten. Vor allem in der Waffenproduktion (Damaszener Schwerter, Katapulte und “griechisches Feuer”), spielten die muslimischen Siedlungen eine große Rolle. 

Im Gegenzug ließ sich der Kaiser diese “Privilegien” entlohnen. Er erhebt eine Kopfsteuer (Gezia) für Muslime und zusätzliche Steuern für die Landnutzung (Terragium). 

Interessanter Weise wendet er dabei genau die gleiche Behandlung für Muslime an, wie muslimische Herrscher bei Ihren christlichen Minderheiten. Auch dort gibt es die Kopfsteuer (Dschizja) und eine Steuer auf das genutzte Land (Charadsch). 

Anders als christliche Minderheiten unter muslimischer Herrschaft, die vom Militärdienst freigestellt waren, nutzt er aber auch das militärische Potential der Muslime. 

Die nun ihm treu ergebenen und loyalen muslimischem Untertanen waren vor allem in Konflikten mit dem Papst ein wichtiges Rückgrat seiner Herrschaft. Da er immer wieder Attentate von papsttreuen christlichen Soldaten befürchten musste, bildeten die Muslime sogar seine Leibwache. 

Große muslimische Einheiten von Bogenschützen und Soldaten begleiten Ihn auf dem Kreuzzug 1228/29. Andere muslimische Einheiten sind Teil seines Heeres in Sizilien und verteidigen das Land während seiner Abwesenheit gegen päpstliche Truppen.  

Der Kreuzzug Friedrichs ist der Einzige, der ohne Blutvergießen verlief. Auf rein diplomatischen Weg gewann er die Kontrolle über Jerusalem zurück.  

Nach seiner Rückkehr erließ er weitere Gesetze, um Minderheiten zu schützen. In der Konstitution von Melfi (1231) heißt es unter anderem: „Wir wünschen nicht, dass sie unschuldig verfolgt werden, nur weil sie Juden oder Sarazenen sind“. 

Auch das Recht der “Invokation” wurde eingeführt: Durch den Ausruf des Namens „Friedrich“ konnten unschuldig verfolgte das höchste kaiserliche Gericht anrufen und so regionale Gerichte umgehen. 

Friedrich hat Erfolg mit seinen Maßnahmen und führt sein Reich zu neuer Blüte. Als er 1235-1237 wieder in die deutschen Länder reist, tritt er mit orientalischer Pracht auf. Sein “kaiserlicher Zug”, mit dem er durch die Länder reist, wird folgendermaßen geschildert:  

“An der Spitze ritten sarazenische Bogenschützen auf herrlichen Araberpferden und schöne Frauen in verschleierten Sänften, die von Reitkamelen getragen wurden. Es folgt der Kaiser mit seinem Hofstaat, dann die Dienerschaft, Falken, Leoparden und Jagdhunde mit ihren Führern, ein Elefant mit Armbrustschützen, eine Menagerie fremdartiger Tiere und eine schier endlose Karawane von Packpferden und Maultieren.” 

Friedrich erhält den Beinamen “Stupor Mundi” – “Das Staunen der Welt.”  In seiner Betonung von Rechtsstaatlichkeit ist er außergewöhnlich modern. Seine Toleranz und Offenheit ist für einen mittelalterlichen Herrscher außergewöhnlich. 

Die für die weitere Entwicklung Europas wichtigste Eigenschaft ist jedoch seine Wissbegierde. An seinem Hof versammeln sich christliche, muslimische und jüdische Gelehrte und Dichter. Sein Hof wird zur “Drehscheibe des Kulturtransfers”. 

Wichtige Werke der Philosophie und Naturwissenschaft werden von Arabisch auf Latein übersetzt. Er gründet eine der ersten “staatlichen” (von einem weltlichen Fürsten finanzierten) Universitäten Europas: Die “Universita Federico II” in Neapel, die noch heute existiert. 

Die Nähe zwischen dem Kaiser und “seinen” Muslimen symbolisiert eine abschließende Geschichte. Friedrich wird nach seinem Tod von seiner muslimischen Leibwache nach Palermo überführt und dort vermeintlich als Mönch gekleidet begraben.  

Als man 1781 das Grab umbettet, entdeckt man aber, dass der Leichnam mit Symbolen seiner Macht beerdigt wurde. Sein Schwert steckt in einer sarazenischen Scheide, der Reichsapfel trägt kein übliches Kreuz und Friedrich ist in orientalischen Seidengewänder gekleidet. Auf dem Unterhemd findet man eingestickte arabische Schriftzeichen mit Ehren Bekundungen an “unseren Sultan”. 

Die muslimischen Enklaven in Süditalien erleben 50 Jahre nach dem Tod des Kaisers ein grausames Ende. Bei der Eroberung Luceras und der umliegenden Orte werden zehntausende Muslime getötet, oder in die Sklaverei verkauft. 

Im 14. Jahrhundert beseitigt man systematisch die Erinnerung an diese Epoche. Moscheen werden zerstört und der muslimische Einfluss gerät in Vergessenheit.  

Hieran mag es liegen, dass die Bedeutung des “Kulturtransfes” in Sizilien und Süditalien für Europa lange Zeit gegenüber dem Einfluss Andalusiens vernachlässigt wurde. 

Die neuere Forschung weist nach, dass sich manche muslimische Familien retten konnten. Durch den Übertritt zum Christentum gelang es ihnen sich zu assimilieren und trotzdem einen Teil des kulturellen Erbes zu bewahren. Hier darf man auf weitere Ergebnisse gespannt sein. 

 

Zum Weiterhören und -sehen: 

Podcast: Friedrich II. der Staufer und die Muslime https://anchor.fm/smf-verband/episodes/Friedrich-II–der-Staufer-und-die-Muslime-e1adcbu 

Video: Christen und Muslime in der Capitanata  https://vergleichendelandesgeschichte.geschichte.uni-mainz.de/forschung-schwerpunkte-und-projekte/italien-und-rom/christen-und-muslime-im-noerdlichen-apulien-capitanata-im-13-jahrhundert/

 

Zum Weiterlesen:  

Horst, Eberhard, Der Sultan von Lucera, Friedrich II. und der Islam, München 2009 

Goldmann, Gerhard, Deutscher Kaiser und Muslim? Über die Beziehungen Friedrichs II. von Hohenstaufen zum Islam, 2012  

Hubert Houben: Friedrich II., ein Sizilianer auf dem Kaiserthron? 
Zeitschrift Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken Band 97 (2017) Herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut Rom 
https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00012530/houben_friedrich.pdf 

Engl, Richard: Die verdrängte Kultur. Muslime im Süditalien der Staufer und Anjou (12.-13. Jahrhundert) (Mittelalter-Forschungen 59), Ostfildern 2020. Einleitung unter: https://www.academia.edu/43530747/Die_verdr%C3%A4ngte_Kultur_Muslime_im_S%C3%BCditalien_der_Staufer_und_Anjou_12_13_Jahrhundert_Muslims_in_Hohenstaufen_and_Angevin_Southern_Italy_12th_13th_century_CE_6th_7th_century_AH_ 

 

Bildnachweis: 

Der Hof Kaiser Friedrichs II. zu Palermo, Ölgemälde von Arthur Georg Ramberg aus 1865 in der Neuen Pinakothek, München.  Public Domain by wiki commons. Reference: https://res.cloudinary.com/tne/image/authenticated/s–ezK7nzEB–/q_80/artworks/ARTHUR-GEORG-VON-RAMBERG_DER-HOF-KAISER-FRIEDRICHS-II-ZU-PALERMO_CC-BY-SA_BSTGS_L1777.jpg