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1880: Karl May und der Orient

Kaum ein Schriftsteller im 19. und 20. Jahrhundert hat das Bild der Deutschen vom Orient so stark geprägt, wie Karl May (1842 – 1912). Er ist immer noch der meistgelesene deutschsprachige Autor.  

Ganze Generationen von Jugendlichen wurden von Ihm beeinflusst. Ihm ist es gelungen, das Genre der Reise- und Abenteuerliteratur um mythische Figuren zu bereichern. Und diese mythischen Figuren sind tief in die “Deutsche Seele” eingedrungen, vergleichbar mit den griechischen Sagen in der Antike.  

Die Art, wie mit diesen Figuren im Wandel der Zeit umgegangen wurde, sagt vielleicht mehr über den jeweiligen Zeitgeist der Deutschen, wie über den Orient selbst.  

Aber beginnen wir am Anfang. Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende May ist einer der ersten “Popstars” des Deutschen Reiches und ein begnadeter Selbstvermarkter. Er schreibt seine Reiseromane aus der Perspektive eines Ich-Erzählers und erweckt den Eindruck er habe alle Reisen selbst unternommen.  

Er ist einer der Ersten, der Autogrammkarten druckt (auch in orientalischer Kleidung) und unterhält eine persönliche Korrespondenz mit seinen “Fans”. Seine Lesereisen und Vorträge sind populäre “Events”. 

Um die Erlebnisse seines Ich-Erzählers mit zusätzlicher Authentizität auszustatten, legt May auch großen Wert auf die Ergänzung seiner Handlung um ausführliche Darstellungen der Geographie und Geschichte der bereisten Gebiete.  

Diese Beschreibungen wirken auf heutige junge Leser:innen oft langatmig, erfüllten damals jedoch eine wichtige Funktion. Sie sollten den Bildungscharakter seiner Bücher hervorheben, seine tatsächliche Reiseerfahrung belegen und Bilder erzeugen. 

Man bedenke, dass es zu dieser Zeit weder Fernsehen noch Kino gab.  Und zu einer Zeit, in der vor allem Jugendliche fast nichts über diese fernen Länder wussten, entfalteten gerade diese “Bilder” eine riesige Wirkung. 

Da er sich hierbei der damaligen Literatur bedient, enthalten seine Schilderungen zumindest am Anfang auch gängige Stereotypen.  

May schreibt seinen Orientzyklus von 1880 – 1888 im noch jungen Deutschen Reich und im Höhepunkt des Deutschen Kolonialstrebens. Vor allem zu Beginn ist sein Werk daher durchdrungen vom Geist seiner Zeit.  

Diesen “Zeitgeist” findet man beispielsweise im Band “Von Bagdad nach Stanbul”, wenn er zum Osmanischen Reich schreibt: 

Nur ein einziger steht von ferne, mit christlicher Teilnahme im Herzen. Er war ihm einst ein ehrlicher Feind und möchte ihm nun auch ein ehrlicher Freund sein… Dieser Einzige ist der Deutsche.  

Der Deutsche als ehrlicher Freund des Orients wird bei May durch seinen Protagonisten Kara Ben Nemsi dargestellt. Kara Ben Nemsi kann und weiß alles. Ihn zeichnen herausragende Eigenschaften aus: Furchtlosigkeit, Gerechtigkeitsstreben, Besonnenheit, Höflichkeit, Sauberkeit und christliche Gesinnung. 

Der strahlende Held steht gewissermaßen für den “idealen Deutschen” und wird zur Identifikationsfigur seiner Leser.  

Er steht allerdings nicht für eine generelle Überlegenheit des “Weißen Mannes”, seine Bücher kennen eine Fülle von weißen “Bösewichten”, häufig Franzosen, aber auch Engländer und sogar einige Deutsche. May ist ein scharfer Kritiker von Auswüchsen des Kolonialismus, Sklavenhandel und (in seinen Büchern über den “Wilden Westen”) dem Genozid der amerikanischen Ureinwohner.  

Seinem strahlenden Helden wird aber in den orientalischen Erzählungen noch eine zweite Hauptfigur zu Seite gestellt: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.  

Interessanterweise entspricht Karl May selbst eher dieser Figur. Karl May ist 1,66 m groß und eher zierlich. Auch in der Fabulierkunst, der Tendenz zu übertreiben und mehr zu behaupten als man ist, entspricht er mehr Hadschi Halef Omar als Kara Ben Nemsi. (Er nennt sich z.B. Dr. Karl May, obwohl er nie promoviert hat, genau wie sein Hadschi (=Mekkapilger), sich so nennt, lange bevor er in Mekka war). Vielleicht ist dieser Hadschi auch ein Hinweis, dass das Alter Ego “Kara Ben Nemsi” eher das Ideal ist, dass May anstrebt, als tatsächlich er selbst. 

May bereist erst um die Jahrhundertwende selbst den Orient. Gleichzeitig wird er angegriffen, da ihm vorgeworfen wird seine Abenteuer nicht selbst erlebt zu haben. Diesen Vorwürfen der “Hochstapelei” begegnet er, in dem er zwar nie zurücknimmt selbst Kara Ben Nemsi zu sein, aber beginnt den künstlerischen und moralisch-erzieherischen Aspekt seines Werkes stärker herauszustellen.  

In seiner Autobiographie “Mein Leben und Streben” interpretiert er sein gesamtes Werk als Darstellung einer Entwicklung. Hierbei begründet er auch, warum er hierbei eine Person (sich selbst?) in den Mittelpunkt stellt:  

Die Hauptperson aller dieser Erzählungen sollte der Einheit wegen eine und dieselbe sein, ein beginnender Edelmensch, der sich nach und nach von allen Schlacken des Trieblebens reinigt. 

Ziel seiner ganzen Kunst sei die Beantwortung von “Menschheitsfragen” und die Entwicklung des “Edelmenschen” (ein Begriff als “gewaltfreier” und “moralischer” Gegensatz zu Nietzsches “Übermenschen”). 

Sein Spätwerk wird zunehmend getragen von diesem künstlerischen Anspruch. Er schreibt allegorischer im Stile des Symbolismus und hat eine deutliche pazifistische Tendenz. Er ist Vorbote von Genres wie Surrealismus, Fantasy, ja teilweise auch Science-Fiction. 

May hat zwei Vorbilder für den Edelmenschen in seinem Werk beschrieben. Im Orient ist eine Frau – Marah Durimeh, im “Wilden Westen” ein Mann – Winnetou.  

Eine Unterhaltung mit Marah Durimeh in einem seiner letzten Bücher “Ardistan und Dschinnistan”, die auch heute noch erstaunlich aktuell ist, zeigt vielleicht am deutlichsten Mays Sympathie zum Orient. 

Marah Durimeh bescheinigt Kara Ben Nemsi (May):  

In allen Büchern, die du schreibst, lehrst du die Liebe zu dem Morgenlande! Aus allen deinen Schriften lächelt die Seele des Orients – sehnsüchtig, wehmutsvoll! Es ist ein Lächeln durch Tränen! Wärst du das Abendland, du hättest den Orient wohl schnell gewonnen, denn du liebst ihn, und du kommst nicht, um ihn auszunützen. … 

Alles, was das Abendland besitzt, hat es vom Morgenlande. Seine Religion, seine Kraft, seine Wissenschaft, seine ganze Bildung und Gesittung, seine Zerealien, seine Früchte. Den ganzen Grund und Boden seines äußeren und inneren Lebens. Und was es nicht unmittelbar von ihm hat, dazu ist doch wenigstens der Anstoß von ihm ausgegangen. Wie unendlich groß ist der Dank, den wir ihm schuldig sind! Und wie haben wir ihn gelohnt? Wie und womit?“… 

„Wenn du das im Abendlande sagtest, würde man darüber lachen, o Schakara,“ warf ich ihr zu. „Man behauptet dort das gerade Gegenteil von dem, was du behauptest. Man glaubt, dem Morgenlande Wohltat über Wohltat zu erweisen, indem man zu ihm geht, um – – -“ – „Um ihm die Liebe aufzudringen, die es nicht mag, weil sie die falsche ist,“ fiel Marah Durimeh ein. „Ich spreche nicht von der Mission, ich spreche von der Nächstenliebe der europäischen Politik. Man zeige mir ein Herz, welches durch sie gewonnen worden wäre! Es gibt keines, kein einziges!… 

Weil das Abendland nicht groß, gerecht und edel genug war, seine angeblichen ‚Interessensphären‘ einer humanen Nachprüfung zu unterwerfen. 

Der deutsch-syrische Schriftsteller Rafik Schami urteilt über May: “Bei Allah, dieser Karl Ben May hat den Orient im Hirn und Herzen mehr verstanden als ein Heer heutiger Journalisten, Orientalisten und ähnliche Idiotisten.” 

Zum Weiterhören: 

Unser Podcast 

Zum Weiterlesen: 

Helmut Schmiedt, Karl May oder die Macht der Phantasie, München 2011  

Helmut Schmiedt, Karl May. Leben, Werk und Wirkung, Frankfurt am Main 1992 

Hans Wollschläger, Karl May, Grundriss eines gebrochenen Lebens, Göttingen, 2004 

Karl May, Gesammelte Werke:  

Der Orientzyklus: Band 1: Durch die Wüste, Band 2: Durchs wilde Kurdistan, Band 3: Von Bagdad nach Stanbul, Band 4: In den Schluchten des Balkan, Band 5: Durch das Land der Skipetaren, Band 6: Der Schut 

Weitere Bücher mit Kara Ben Nemsi:  Band 10: Sand des Verderbens, Band 16: Menschenjäger, Band 17: Der Mahdi, Band 18: Im Sudan, Band 21: Krüger Bei, Band 22: Satan und Ischariot, Band 25: Am Jenseits, Band 26: Der Löwe der Blutrache, Band 27: Bei den Trümmern von Babylon, Band 28: Im Reiche des silbernen Löwen, Band 29: Das versteinerte Gebet 

Das “Spätwerk”: Band 30: Und Friede auf Erden, Band 31: Ardistan, Band 32: Der Mir von Dschinnistan 

Autobiographisches: Band 34: Ich (mit: “Mein Leben und Streben” und “Empor ins Reich der Edelmenschen”) 

Videos: 

Ich, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi Film von Artur Müller im Südfunk am 21.03.1962  

Winnetou und Co ,  Die Deutschen und Karl May Sendung ZDF Nachtstudio 2012 

Bildnachweis: 

Karl May als Kara Ben Nemsi, Foto von Max Welte, 1897 

public domain by wiki commons 

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karl_May_as_Kara_Ben_Nemsi_2_-_Digital_Restoration.jpg