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1916 – Türkische Studentinnen im wilhelminischen Kaiserreich – Safiye Ali 

Die Jahrhundertwende vom 19. Zum 20.Jahrhundert brachte bedeutende Fortschritte für die Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten von Frauen im osmanischen Reich. 

Insbesondere nach der Verfassungsreform 1908 konnten wichtige Fortschritte erreicht werden. 1912 erlaubte man muslimischen Mädchen auch den Besuch von nicht-muslimischen Institutionen, wie dem „American College for Girls“ auf der europäischen Seite Istanbuls. Damals war dies sie einzige Schule im osmanischen Reich, dessen Abschluss ein Universitätsstudium auch im Ausland erlaubte. 1916 begann man mit einem Stipendienprogramm des Bildungsministeriums das Studium in Europa systematisch zu unterstützen.  

Dank Institutionen, wie der 1914 in Berlin gegründeten „Deutsch-Türkischen Gesellschaft“, die sich intensiv für einen Bildungsaustausch einsetzten, war ein bevorzugter Studienort der türkischen Studenten das Deutsche Kaiserreich. 

Eine der ersten Studentinnen im Deutschen Reich war Hatice Safiye Ali, deren Geschichte wir hier erzählen wollen. Safiye wurde am zweiten Februar 1894 in Istanbul geboren. Sie gehörte einer wohlhabenden Familie an und genoss schön früh eine gute Ausbildung. Neben der schulischen Bildung erhielt sie Privatunterricht. Ihren Schulabschluss erhielt sie am „American College for Girls“. 

Bereits mit 16 Jahren soll sie mehrere Sprachen gesprochen haben. So benötigte sie auch keine gesonderten Sprachkurse, als sie 1916 ihr Studium der Medizin in Würzburg begann.  

Sie erhielt ein Stipendium des Osmanischen Bildungsministeriums (Studiengebühren plus monatlich 350 – 400 Reichsmark) und war eine sehr erfolgreiche Studentin. Ihr Physikum absolvierte sie als Jahrgangsbeste und auch bei der Abschlussprüfung belegte sie den ersten Platz. Neben ihrem Studium nutzte sie ihre Zeit für Praktika in der Poliklinik und dem Pathologischen Institut. 

Ihr Studium viel in eine sehr schwere Zeit, nicht nur der Erste Weltkrieg, sondern auch die Grippeepidemie nach dem Krieg (Spanische Grippe) forderten Millionen Todesopfer und erschwerten die medizinische Tätigkeit. 

1921 erhielt sie Ihre Approbation (Zulassung als Ärztin) und den Titel „Doktor der Medizin“. Anschließend erwarb sie sich fachärztliche Kenntnisse in der Gynäkologie (Frauenheilkunde) und Pädiatrie (Kinderheilkunde). 

In dieser Zeit hatte sie auch ihren späteren Mann, den Augenarzt Ferdinand Krekeler kennen gelernt. Als sich nach Gründung der türkischen Republik die Möglichkeit ergab, auch in der Türkei eine Zulassung als Ärztin zu erhalten, zieht sie mit ihrem Mann nach Istanbul, wo beide eine Praxis eröffnen. 

Standesamtlich heiraten beide am 28.11.1924 in Istanbul. Ihr Mann nannte sich danach in der Türkei Ferdi Ali Krekeler. Diese Namensänderung mag auch eine „Marketingmaßnahme“ für seine Arztpraxis gewesen sein, denn 4 Jahre später heiraten die beiden noch einmal. 

Diesmal (am 25.10.1928) schließen sie eine kirchliche Heirat in Würzburg. Diese kirchliche Eheschließung benötigte eine Sondergenehmigung des Vatikans, da Safiye nicht zum katholischen Glauben übertreten wollte. Ob diese Zeremonie aufgrund der religiösen Überzeugung ihres Mannes, oder dem deutschen Teil der Familie zuliebe vollzogen wurde, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden. 

In Istanbul setzte sie sich stark für die Frauenbewegung und die bessere medizinische Versorgung von Frauen ein.  

Bis 1928 leitete sie die Organisation „Süt Damlasi“ (Milchtropfen), die sich für die bessere Versorgung von Säuglingen einsetzte und kämpfte für das Frauenwahlrecht. Sie war unter anderem auch die erste weibliche Dozentin für Medizin an einer türkischen Universität. 

Ihre Vorreiterrolle brachte ihr aber auch viele Gegner und Anfeindungen ein.  

Ihre Arztpraxis wurde als Safiye Ali Bey (Herr Safiye Ali) im Ärzteregister geführt und es war wohl auch schwierig zahlungskräftige Frauen als Patientinnen zu gewinnen, die die vielen sozial-schwächeren Frauen, die sie unentgeltlich behandelte, mitzufinanzieren. 

Nachdem Safiye sich 6 Jahre bemühte, als Ärztin in Istanbul Fuß zu fassen, siedelte das Paar 1929 zurück ins Deutsche Reich und ließ sich in Dortmund nieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte das Paar noch einmal in der Türkei Fuß zu fassen, kehrte jedoch schon 1948 wieder nach Deutschland zurück. Dr. Safiye Ali starb am 09.07.1952 an Brustkrebs. Sie wurde auf dem Dortmunder Hauptfriedhof begraben. Die Grabpflege übernimmt seit einigen Jahren die Stadt Dortmund. Es ist auch geplant am Grab ein Denkmal für sie zu errichten.  

Seit 2022 wurde eine Straße in Dortmund nach ihr benannt und ein in zweijährigem Rhythmus verliehener ihr gewidmeter Preis für herausragende Leistungen in der Kindermedizin und Kinderchirurgie ausgelobt, den Dr. Safiye Ali Krekeler-Preis für Kindermedizin und -gesundheit

Zum Weiterlesen: 

Kahraman, Büşra, Safiye Ali-Krekeler – die erste Ärztin der Türkei in Dortmund, Dortmund 2022, Version 1.0, in: frauen/ruhr/geschichte, https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/safiye-ali-krekeler/ 

Güldane Colak, Turkish female Students Studiying in Germany: The Case of Safiye Ali, in: Türk-Alman Iliskileri Sempozyumu, Konya 2009, S. 620 – 628  

https://www.academia.edu/4891436/_Turkish_Female_Students_Studying_in_Germany_The_Case_of_Safiye_Ali_

Eine Vorreiterin für Frauen in der Medizin, Universität Würzburg 09.03.2021 https://www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/einblick/single/news/eine-vorreiterin-fuer-frauen-in-der-medizin/ 

auf türkisch: 

Huriye Emen, (Hatice) Safye Ali (1894 – 1952) Atatürk Ansiklopedidi sitesinden, 

https://ataturkansiklopedisi.gov.tr/bilgi/hatice-safiye-ali-1894-1952/

Didem Konya, Türkie’nin Ilk Türk Kadin Doktoru: Syfiye Ali ve Calismalari, aus Sosyal ve Beseri Bilimler Arastirmalari, Kadin Calismalari Özel Sayasi 2018 Cilt 19 Sayi 41  

https://www.academia.edu/84478075/Türkiyenin_İlk_Türk_Kadın_Doktoru_Safiye_Ali_ve_Çalışmaları

Nuran Yildirim, Türkiye’nin Ilk Kadin Doktoru – Safye Ali, Istanbul 2011 

Bildnachweis: 

Dr. Hatice Safyie Ali-Krekeler 

Public domain by wiki Commons (Teil des Nationalerbes der Türkei nach § 27 des türkischen Urheberrechts) 

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Safiyeeali01.png