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Max von Oppenheim der Vater des “Dschihad Made in Germany” – 1914

“Dschihad Made in Germany” ist ein Begriff des holländischen Arabisten Snouk Horgronje den er 1915 in einem Aufsatz erwähnt. Christiaan Snouck Hurgronje war ein herausragender holländischer Islam-Wissenschaftler. Seit 1906 hatte er eine Professur an der Universität in Leiden inne. 

Mit dem Schlagwort “Dschihad Made in Germany” bezeichnete er die Deutsche Strategie im ersten Weltkrieg, den Islam als politische Kraft gegen die Kolonialmächte England und Frankreich einzusetzen. Und als Urheber dieser Idee identifiziert er den Deutschen Max von Oppenheim.  Quasi das deutsche Pendant zum ungleich berühmteren “Lawrence von Arabien”. 

Der Bankierssohn Max von Oppenheim (1860 – 1946) begeistert sich schon früh für den Orient (als Jugendlicher liest er 1001 Nacht und ist begeistert) und lässt sich, nach seinem Jurastudium, von seinem Vater Reisen in den Orient finanzieren, um Arabisch zu lernen. 

Sein Ziel ist die Übernahme in den Diplomatischen Dienst, die ihm aufgrund seiner jüdischen Herkunft jedoch sehr erschwert wird. Von 1896 bis 1909 ist er als freier Mitarbeiter (Legationsrat ohne besondere Aufgaben) der Botschaft in Kairo tätig. 1898 lernt er Kaiser Wilhelm II. auf dessen Orientreise kennen und berichtet ihm daraufhin regelmäßig aus dem Orient.

Er hat neben seiner Wohnung im Diplomatenviertel auch eine Villa in der Altstadt, in dem er (inklusive “Nebenfrau”) ein Doppelleben, wie ein wohlhabender Araber führt. Er lernt führende Intellektuelle, wie den Großmufti Muhammad Abduh kennen und erwirbt sich ein tiefes Wissen über die Denkweise und Kultur seiner arabischen Freunde. 1909 quittiert er den Dienst in Kairo und widmet sich archäologischen Ausgrabungen. Dort lernt er auch T. E. Lawrence seinen späteren Gegenspieler kennen. Die beiden schätzen sich sehr und entdecken viele Gemeinsamkeiten. 

Kurz nach Beginn des 1. Weltkrieg verfasst von Oppenheim eine “Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde”, die später zur offiziellen Richtlinie der Deutschen Orientpolitik von 1914 bis in die 1950er Jahre hinein wird. 

Oppenheim wird nach Berlin gerufen und übernimmt die Leitung der “Nachrichtenstelle für den Orient”, die zahlreiche Aktivitäten unternimmt, um Muslime zum Aufstand gegen England und Frankreich zu bewegen.  

Seine Idee ist, dass wenn es gelänge, Muslime weltweit zu überzeugen, dass sie einen “Dschihad” gegen die Imperialisten führen müssen, die Gegner Deutschland so geschwächt würden, dass das Deutsche Reich in Europa die Überhand gewinnt. Eines der Medien der Propaganda der NfO ist die Zeitschrift “Al Dschihad”. 

Von Oppenheim verknüpft den Gedanken des Dschihad mit der Idee des “Panislamismus” den er bei vor allem bei Muhammad Abduh in Kairo kennen gelernt hatte. 

Der Aufruf zum Dschihad wurde im Verlauf der muslimischen Geschichte häufiger verwendet um regionale Aufstände zu legitimieren. Neu war die “Globalisierung” des Begriffs, alle Muslime sollten sich Solidarisieren und sich Deutschland und den Osmanen anschließen. Neu war auch, dass dieser Begriff nicht zur Selbstverteidigung gegenüber Andersgläubigen verwendet wurde, sondern sich ausschließlich gegen die Kolonialmächte England und Frankreich wandte – quasi als anti-imperialistischer Kampfbegriff. Die religiöse Verbrämung wurde lediglich benutzt um zusätzliche Emotionen und Hass zu schüren. 

Snouk Horgronje beschimpft von Oppenheim darauf als “Abu Dschihad” und bezeichnet diesen “Dschihad Made in Germany” als hochgefährlich. Auch heute noch gibt es Stimmen, die in von Oppenheim den wahren Vater des “Dschihadismus” sehen. 

Die Deutschen überzeugen mit Hilfe von Enver Pascha den Osmanischen Sultan den Dschihad ausrufen zu lassen. Um den internationalen Charakter dieses Aufrufs zu unterstreichen, schmuggeln die Deutschen Kriegsgefangene aus Nordafrika, Russland und Indien, die zuvor in einem Lager nahe Berlin inhaftiert waren, nach Istanbul, um der Proklamation des Dschihad beizuwohnen.  

Die Erwartungen und Wünsche von Oppenheims und des Kaisers haben sich nicht erfüllt. Sie hatten die Solidarität der Muslime und die Bedeutung der Religion überschätzt. T. E. Lawrence war ungleich erfolgreicher, da er nicht auf “Panislamismus”, sondern auf “Panarabismus” setzt. Damit erkennt er deutlich besser die Stärke der nationalen Bewegungen seiner Zeit. 

T. E. Lawrence war nach dem Krieg aber ebenfalls enttäuscht, da seine arabischen Freunde nicht die versprochene Unabhängigkeit erhalten bezeichnete er seine Oberbefehlshaber als Betrüger und zog sich voller Scham in die englische Provinz zurück.

Max von Oppenheim wird nach dem Krieg wieder Archäologe, widmet sich seinen Ausgrabungen in Syrien, für die er in Berlin sogar ein eigenes Museum einrichtet.  

Im zweiten Weltkrieg schreibt der über 80jährige wieder ein Memorandum nach Berlin und weist auf Möglichkeiten hin, wie man einen Aufruhr der Muslime für Deutschland nutzen könnte, allerdings ohne die Komponente des Dschihad.
 

Zum Weiterlesen: 

Stefan M. Kreutzer, Dschihad für den Deutschen Kaiser – Max von Oppenheim und die Neuordnung des Orients (1914 – 1918), 2012 

Volker Schult, Die deutsch-türkischen Beziehungen – Von den Türkenkriegen bis zur Gegenwart, Arbeitsblätter für den Geschichtsunterricht,  

Wolfgang Schwanitz, Dschihad Made in Germany – Der Streit um den Heiligen Krieg 1914 –1918 Im Internet unter: http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/Djihad%20Heiliger%20Krieg%201914%20WGS.pdf 

 

Vertiefende Quellen: 

Max Freiherr von Oppenheim, Denkschrift Betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde, Herausgegeben von Stefan Kopetzky, 2017 

Gerhard Höpp: Muslime in der Mark. Als Kriegsgefangene und Internierte in Wünsdorf und Zossen. Das Arabische Buch, Berlin 1997, Im Internet unter: https://d-nb.info/107004461X/34 

Gerhard Höpp: Arabische und islamische Periodika in Berlin und Brandenburg 1915–1945. Geschichtlicher Abriss und Bibliographie. Das Arabische Buch, Berlin 1994, Im Internet unter: https://d-nb.info/1070262374/34 

Peter Heine: Al-Ǧihād: eine deutsche Propagandazeitung im 1. Weltkrieg. In: Die Welt des Islams. Vol. 20, Issue 3/4, 1980.